29. Juli 2020

Über dem Limit

Die Corona-Pandemie hat alle dazu gebracht, sich wieder intensiver mit Zahlen auseinanderzusetzen:

Wie viele Menschen dürfen gleichzeitig krank werden, damit Intensivbetten und Beatmungsgeräte ausreichen? Wie viele Quadratmeter braucht eine Person pro Raum, damit jeder den Abstand von 1,5 Meter einhalten kann? Wie viele Urlauber dürfen gleichzeitig am Strand liegen?

In einer Welt, die von der Fantasie unbegrenzten Wachstums lebt, sind wir auf einmal mit etwas konfrontiert, das da nicht so richtig hineinpasst: Limits. Das an sich ist schon sehr unheimlich. Noch unheimlicher ist aber, was diese Limits schützen sollen. Sie sollen nicht die Polarbären vor dem Aussterben retten oder die Wälder des Amazonas. Ausnahmsweise geht es um etwas, dass uns sehr viel direkter betrifft: unser eigenes Überleben. 

 

2020 ist ein guter Moment, darüber nachzudenken, welche Bereiche unseres Lebens wir limitieren müssten, weil sie – wenn auch über Umwege – ebenfalls unser Überleben gefährden. Mobilität wäre hier sicher zu nennen und Konsum. Leider aber auch das grösste Tabuthema von allen: Bevölkerungswachstum

 

Von den drängenden Problemen der Welt ist Überbevölkerung vermutlich das unbeliebteste. Derzeit leben laut Weltbevölkerungsuhr 7.802.505.911 Menschen (Stand: 29.07.2020, 13 Uhr) auf der Welt und jede Minute wächst diese Zahl um weitere 157 Menschen an. Nach der Lektüre dieses Textes z.B. ist die Weltbevölkerung um 1256 Menschen gewachsen.

 

 

„Don’t Panic“ vs. „I want you to Panic”

 

Ein alter weißer Mann, Hans Rosling, sagte 2015: „Don’t panic“

Ein weißer Teenager, Greta Thunberg, sagte vier Jahre später: „I want you to panic“.

Was haben beide gemeinsam, außer dass sie aus Schweden kommen? Beide sind sich einig, dass die reichsten Länder der Welt ihren Energieverbrauch reduzieren müssen. Aber haben wir darüber hinaus nicht vielleicht auch ein Problem mit Überbevölkerung?

Greta sagt dazu nichts. Hans Rosling dafür umso mehr. Er hat in seinem Buch „Factfulness“ dazu aufgerufen, den Zustand der Welt nicht aus dem Bauch heraus, sondern anhand überprüfbarer Zahlen zu bewerten. Das ZDF hat seiner Position einen ganzen Dokumentarfilm gewidmet. Er heißt: „Mythos Überbevölkerung? – Don’t Panic“.

 

Wie die meisten „rationalen Optimisten“ bleibt Hans Rosling beim Thema Überbevölkerung sehr gelassen. Die industrielle Revolution habe, argumentiert er, zur besseren Versorgung vieler Menschen beigetragen und ihnen eine bessere medizinische Versorgung ermöglicht. Außerdem habe die in den 1960ern einsetzende „Grüne Revolution“ dann auch zu einer Verbesserung der Ernährungssituation auf der Welt beigetragen. 

Aber ist das nicht nur die halbe Wahrheit? 

Welche Schäden die industrielle Revolution verursacht hat, haben wir inzwischen gelernt. Dass aber auch die „Grüne Revolution“ eine Spur der Verwüstung über unseren Planeten gezogen hat, sickert erst langsam durch. Sie ist für einen Großteil der heutigen Umweltschäden verantwortlich und sorgte letztlich sogar für die Verdrängung von lokalen Kleinbauern zugunsten weltweit operierender Nahrungsmittel-Konzernen. 

Hinweise auf diese Zusammenhänge finden sich bei Rosling jedoch nicht. Wenn in Minute 27 der ZDF-Doku eine Bauernfamilie aus Mozambique zu sehen ist, die in den ärmlichsten Verhältnisse inmitten einer vertrockneten Landschaft ums Überleben kämpft, wartet man vergebens auf ein Wort über die Schattenseiten der gepriesenen „Revolutionen“.

 

Stattdessen erfährt man immer wieder, dass Rosling der Ansicht ist, dass Überbevölkerung kein Problem sei. Hier fragt man sich mitunter, ob ein Blinder die Redaktion der Doku verantwortet hat, denn dazu werden immer wieder Bilder von aberwitzigen Menschenmengen und überfluteten Straßen gezeigt.

 

Was ich an der Doku jedoch am unerträglichsten fand, war die Lässigkeit, mit der Rosling während eines Vortrags immer neue Menschenmilliarden auf der Erde begrüßte. Das dabei anwesende, wohlsituierte Publikum schien ebenfalls keinerlei Einwände gegen das Wachstum zu haben. Immer her damit! Ob sich die Lässigkeit auch hält, wenn die Milliarden dann in das eigene Wohnviertel hineindrängen, bleibt abzuwarten.

 

Völlig ausgeblendet wurde auch, dass die in Minute 4 der Doku gezeigte vierköpfige bengalische Familie natürlich den gleichen Lebensstil haben möchten wie der Westen: Autos, elektronische Geräte, Urlaube und günstige Nahrung. Begleitet wird all dies von Bildern endloser Staus in Mega-Cities und überfüllten Slums. „Don’t Panic“ schien mir nicht die richtige Überschrift für all das zu sein. Ich hielt es eher mit Greta und bekam ordentlich Panik. Ist vielleicht auch nicht ganz verkehrt. Wie sagte Nassim Taleb einmal weise: „The central rule in life is that it is much, much better to panic early than late.“

 

 

Streben nach „Lifestyle“ in einer begrenzten Welt

 

Wenn wir der Familie aus Bangladesch den gleichen Lebensstandard gönnen, wie uns selbst (und es gibt keinen Grund, das nicht zu tun), könnte es überraschend eng werden. Der erste, der sich im 20. Jahrhundert gründlich mit der Frage beschäftigte, wie viele Menschen auf der Erde leben können, wenn man bei jedem von ihnen einen modernen Lebensstandard annimmt, war Paul R. Ehrlich. Er kam vor fünf Jahrzenten zu dem (auch für ihn) erschreckenden Ergebnis, dass die optimale Bevölkerungsgröße auf unserem Planeten bei 1,5 Milliarden Menschen läge.

 

Wissenschaftler sind beide – Rosling und Ehrlich. Aber wenn ich mich so umsehe, scheint mir Ehrlich ehrlicher. 

Aber was kann man tun? Vernünftig wäre es vermutlich eine Vollbremsung zu machen. (Huch – ich dachte der Baum ist noch hundert Meter weit weg. Dabei sind’s nur zehn! Muss ich jetzt wirklich schon vom Gas gehen?) 

Eigentlich bräuchten wir strenge Limits für alles was wir tun, denn nicht nur der Hunger wird zunehmen, sondern auch die Ansprüche der Menschen. Dass die Welt dazu imstande ist auf „Lifestyle“ zu verzichten, hat sich während des weltweiten Lockdowns in der Corona-Krise gezeigt. Leider hat sich auch gezeigt, dass sie es nur für einen Monat schafft. Dann drehen alle durch.

Die Begrenzung sollte sich nicht nur auf unseren Konsum, auf Mobilität und all den Schnick-Schnack beschränken, der unser Leben schöner macht, sondern vor allem auf die weltweiten Geburtenzahlen. „Replacement Rate“ – also die Anzahl der Kinder, die eine Frau haben darf, damit die Bevölkerung weder wächst noch schrumpft liegt bei 2,1. Bei allen Zahlen, die darüber liegen, wächst die Bevölkerung. Und ich finde, dass jeder, der ein Kind in die Welt setzt, auch Verantwortung für die Welt übernehmen sollte, in der es einmal leben soll. 

Diese Verantwortung tragen aber nicht nur Familien, sondern auch politische Entscheider. Staaten müssen mehr Aufklärung betreiben (auch hinsichtlich der Religion) und endlich aufhören den Menschen vor allem als Wirtschaftsfaktor zu betrachten. Es ist sicher kein Zufall, dass Herr Rosling und seine Gefolgschaft die ständig wachsende Bevölkerung vor allem als „Chance“ für den „Weltmarkt“ sehen.

 

Es gibt jetzt schon Streit, wenn es während einer Pandemie kein Klopapier mehr gibt, wie wird es dann aussehen, wenn bis 2050 noch weitere 2 Milliarden Menschen dazu kommen? Vielleicht klappt das mit dem Klopapier ja dann. Aber was ist, wenn das Wasser nicht mehr reicht? Wir versagen jeden Tag, wenn wir uns nicht mit diesem Thema beschäftigen. Der Klimaforscher Stephen Emmott hat 2013 ein Buch über unser kollektives Versagen geschrieben, das sich „10 Milliarden“ nennt. Das Buch beansprucht nur ungefähr zwei Stunden unserer Zeit und wer keine Lust hat, es zu lesen, sollte sich unbedingt die Doku bei Dailymotion in zwei Teilen anschauen.