20.März 2020

Party till you drop

Die Rache

Es ist Mitte März und die ganze Welt ist im Corona-Modus. Die Kanzlerin verkündet, dass wir unsere sozialen Kontakte einschränken sollen, um eine Chance gegen die Ausbreitung des Virus zu haben. In mehreren Ländern gibt es bereits Ausgangssperren und auch in Deutschland wird diese Maßnahme immer häufiger diskutiert.

 

Aber funktioniert das?

 

Vor ein paar Tagen fuhr ich mit dem Rad von der Arbeit nach Hause und war erstaunt: obwohl der Ernst der Lage längst klar war, war die ganze Stadt voller junger Menschen. Im Bahnhofsviertel und in der Fussgängerzone drängten sich Gruppen aufgetakelter Party-People und auf Facebook fragten selbst Leute, die man nicht mehr zu den ganz Jungen zählen kann, wo man in der Stadt am besten tanzen gehen könne. 

 

Als ich all das sah, ärgerte ich mich und fand es einfach asozial. Dann aber begann ich, das Verhalten der jungen Leute zu verstehen. Warum in aller Welt sollten sie sich einschränken? Warum sollten sie solidarisch sein? Die Älteren, die diese Tugenden nun mit feierlichen Worten von ihnen forderten, hatten sich selbst doch auch nie eingeschränkt. Und waren sie je solidarisch gewesen?

 

Wir wissen seit Wochen, dass wir eine Pandemie haben und trotzdem musste millionen Europäer erst einmal in den Skiurlaub fahren. Oder nach Ägypten. Oder Thailand. Coronavirus hin oder her - wenn die Reise schon gebucht war, gab es kein Zurück. Sogar Greta Thunberg saß am 4. März noch in Brüssel bei Frau van der Leyen. In Italien gab es zu diesem Zeitpunkt schon über 100 Virustote, die Schließung von Schulen und Universitäten war bereits verkündet. Aber gereist wurde trotzdem. Die größte mögliche Katastrophe scheint für einen Europäer nicht der Tod zu sein. Die grösste Katastrophe scheint darin zu bestehen, einfach einmal die Füße still halten zu müssen.

 

Viele Leute regen sich jetzt über "Corona-Parties" auf, die von jungen Menschen in vielen deutschen Parks veranstaltet werden. Aber hat uns nicht unsere rücksichtslose Selbstbezogenheit, dieser maßlose Egoismus, den wir - ohne rot zu werden - tatsächlich "Freiheit" nennen, überhaupt erst in diese Lage gebracht? Wie sollen wir all die Eltern nennen, die jahrzehntelang nicht ihre Kinder in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt haben, sondern immer nur sich selbst? Waren sie etwa nicht asozial?

 

Ich habe einen guten Bekannten, der behauptet, nicht ohne ausgiebige Reisen leben zu können. Ich habe ihn gefragt, was er eines Tages seiner Tochter sagen wird, wenn sie ihn fragt, warum er die Welt zerstört hat, in der sie einmal leben soll. "Ich habe es aus reinem Egoismus gemacht", war seine - erstaunlich ehrliche - Antwort. Kein Wunder, dass Eltern, die jetzt auf einmal gezwungen sind, tatsächlich mehrere Wochen mit ihren Kindern zu verbringen, völlig verzweifelt sind. Die meisten von ihnen versuchen, sich den Nachwuchs digital vom Leib zu halten (Disney Plus hat in den letzten Wochen irrwitzige Zuwachsraten verzeichnet). Oder sie arrangieren genau das, was eigentlich nicht stattfinden sollte: geheime Treffen mit anderen Kindern.

 

Das Verhalten der jungen Leute, die alle Mahnungen in den Wind schlagen und munter feiern gehen, bekommt vor diesem Hintergrund eine andere Färbung. In die Gedankenlosigkeit, die wir als einzige Erklärung täglich von den Medien angeboten bekommen, mischt sich eine starke Portion Rache.

Rache für die Ganztagsbetreuung. Rache für die sprechenden Spielzeuge. Rache für die Haustiere, den Geigenunterricht und die Babysitter. Rache für all die Dinge, die das ersetzen sollten, was man eigentlich gebraucht hätte: Die Zuwendung seiner Eltern. Die aber mussten ihr Leben leben. Und sie hatten kein Problem damit, um die Welt zu jetten, während man selbst zu den Grosseltern abgeschoben wurde. 

Und für diese Leute soll man jetzt auf seinen Spass verzichten?

 

F... You!