30. Dezember 2019

reclaim the streets!

jetzt mal langsam

Zur Zeit tobt eine wilde Diskussion darüber, ob man auf deutschen Autobahnen ein Tempolimit von 130 km/h einführen sollte. Von Klimaschützern wird richtigerweise die Einsparung des CO2-Austoßes als Argument dafür genannt. Ein Tempolimit ist sofort machbar und kostet kein Geld.

Die Gewerkschaft der Polizei unterstützt die Idee auch (zwar nicht wegen des CO2 aber wegen der Verkehrsunfälle). Und dann haben wir da noch die Politiker, die sich wegen dieses Themas gerade gegenseitig die Köpfe einschlagen. 

So weit, so gut. Aber liegt das Problem nicht eigentlich woanders? 

 

 

64,8 Millionen Autos für 83 Millionen Menschen

 

2019 haben wir in Deutschland den höchsten Wert aller Zeiten an gemeldeten Fahrzeugen erreicht: 64,8 Millionen Autos!!! Und davon sind allein schon 47,1 Millionen PKWs. Zu denen kommen noch 17,7 Millionen LKWs, Busse etc. Das muss man sich erst mal bewusst machen! 64,8 Millionen Autos für 83,1 Millionen Menschen! Oder anders gesagt: auf vier Deutsche kommen drei Autos.

 

Kein Wunder, dass das Autofahren schon seit langem keinen Spaß mehr macht. Meistens wird gedrängelt und gemeinsam im Stau gestanden. Früher mal stand das Auto für Freiheit und Komfort. Aber stimmt das noch? Wo bleibt der ganz normale Mensch bei all dem  Komfort und der Freiheit? Wir opfern jede Menge Platz, damit Autos Parkplätze haben. Und die Dinger werden jedes Jahr grösser! 

Mini jetzt, Mini früher
Mini jetzt, Mini früher

Außerdem nehmen wir in Kauf, dass wir in den Städten ununterbrochen Abgase einatmen. Wäre es nicht gut, mal über die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer nachzudenken?

 

 

Tempo 30 für mehr Gleichberechtigung

 

Ich wohne an einer vielbefahrenen Strasse, die Teil einer Bundesstrasse ist. Fahrzeuge heizten zu jeder Tages- und Nachtzeit vorbei und das machte eine Menge Lärm. Einige Nachbarn gründeten deshalb im August 2018 die „Arbeitsgruppe Tempo 30 bei Nacht“. Ich fand die Idee super und machte mit. Viel Lärm höre ich in meiner Wohnung zwar nicht, aber die ständig vorbeirasenden Fahrzeuge sind trotzdem gruselig.

Die Forderung, die unsere Gruppe formulierte, war denkbar harmlos: Ein Tempolimit von 30 km/h von 22 Uhr bis 6 Uhr. Um dies zu erreichen organisierten wir eine Unterschriftenaktion, sprachen das Thema bei den Ortbeiratssitzungen an und wandten uns an die Presse. Wir hatten Glück! Die Frankfurter-Grünen griffen das Thema auf und setzten unsere Forderung zur Halbzeit der Legislaturperiode Ende 2018 in der Koalition durch. Künftig sollte auf einer 1,6 Kilometer langen Strecke Tempo 30 bei Nacht eingeführt werden. Juhu!!!

 

Bis jedoch die Tempo30 Schilder wirklich aufgestellt wurden, vergingen 10 Monate. Am 15. Oktober 2019 war es dann endlich soweit. Der Verkehrsdezernent pellte vor etlichen Journalisten die Aufkleber von den Tempo 30 Schildern. Verrückte Zeiten! Hier geht's zum der Beitrag des Hessischen Rundfunks. 

Einigkeit für Tempo30 bei Nacht: Klaus Oesterling (SPD) und Wolfgang Siefert (Grüne)
Einigkeit für Tempo30 bei Nacht: Klaus Oesterling (SPD) und Wolfgang Siefert (Grüne)

An dieser Stelle muss ich vor allem unsere Nachbarin Martina loben. Sie war die treibende Kraft hinter der Aktion und hat bewiesen, dass es möglich ist, ein Stück Stadt zurück zu erobern.
Ok – natürlich fährt hier keine Sau nachts Tempo 30. Aber immerhin fahren die Autos jetzt nachts 50 statt 70. Auch schon mal nicht schlecht! Mein nächster Wunsch wäre es, Tempo 30 nicht nur nachts, sondern auch tagsüber auf möglichst vielen Straßen in Frankfurt zu erreichen. Das würde die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer erhöhen und die Lebensqualität in der Stadt steigern. Mit Tempo 30 kann auch ein Auto prima cruisen. Und wem das nicht schnell genug ist, der kann ja auf andere Verkehrsmittel umsteigen. 

Wie sagte doch Herr Scheuer von der CSU? Deutschland muss „Fahrradland“ werden!