3. Oktober 2019

nach mir die Sintflut!

Neulich in einem Karstadt-Schaufenster in Wiesbaden:

GENIESSE DIE NATUR SO LANGE SIE NOCH DA IST ??? 

Was hat sich Karstadt dabei gedacht als dieses Plakat konzipiert wurde? 

Und welche Werbeabteilung hat so etwas freigegeben?

Ist das jetzt zynisch? 

Makaber?

Krank?

Oder alles zusammen?

 

Das erinnert mich an ein Phänomen, das in letzter Zeit massiv auftritt und deshalb auch für Nachrichten sorgt: Selfie-Tourismus an den schönsten Natur-Orten der Welt. Gestern las ich von Touristen, die am Ayers Rock (Uluru) in Australien in Warteschlangen stehen, um die letzte Möglichkeit zu nutzen, den Berg zu besteigen. Für die Aborigines ist er nämlich ein heiliger Ort und sie haben durchgesetzt, dass ihn Touristen ab dem 26. Oktober 2019 nicht mehr betreten dürfen. 

Ergebnis: Die Naturliebhaber kommen in Scharen, um vorher noch einmal hochzuklettern. Genieße die Natur so lange sie noch da ist!

 

Eine andere skurrile Nachricht: Warteschlangen am Mount Everest. Geht es hier überhaupt noch darum, Natur zu erleben? Oder will man vor allen Dingen sein Ego mit „Selbstliebe“ versorgen?  Wer würde die Strapazen auf sich nehmen, wenn er später nicht vor anderen damit angeben könnte? Unter dem Ansturm ist der Mount Everest jedenfalls zur höchsten Müllkippe der Welt geworden. Ein Artikel in der F.A.Z. brachte die Situation auf dem Punkt: „Der Respekt vor dem höchsten Berg ist verloren gegangen – und auch der vor den eigenen Grenzen.“

 

Ich könnte viele Beispiele nennen, wie wir die Natur mit unserer Reise-Selfie-Sucht kaputt genießen: Die Lavendelfelder bei Valensole, Trolltunga und Preikastolen in Norwegen - die Liste ist inzwischen endlos. Wenn man sich die dabei entstanden Fotos auf Instagram, Facebook oder auf irgendwelchen Reise-Blogs anschaut, wünscht man sich nur noch Celeste Barber herbei, um diese selbstverliebten Selfies zu parodieren. Dann hätte das Ganze wenigstens noch Unterhaltungswert. Am allerschlimmsten finde ich, wenn Touristen oder Neo-Nomaden (allen voran die Travel-Blogger) sich über andere Touristen aufregen. Andere Menschen in meiner Natur? How dare they! 

Das ist doch mein Berg, nur ich habe das Recht hier zu sein, weil ich weiß, wie man einen solchen Ort wertschätzt. Das Traurige dabei ist, dass diese Leute nicht merken: Du stehst nicht im Stau, Du bist der Stau. 

 

Zurück zur Karstadt-Naturliebe und den daraus resultierenden Verlustängsten. Anscheinend hat Gretas Thunbergs „Ich möchte, dass Ihr in Panik geratet!“-Rede einen tiefen Eindruck auf Karstadt gemacht. Ja, sie haben verstanden, dass wir nicht mehr viel Zeit haben und sind tatsächlich in Panik geraten. Aber anstatt zu sagen, beschützt die Natur, damit wir und andere sie noch genießen können. Ist die Message: Konsumiert noch mehr, denn die Zeit des ungebremsten Konsums geht zu Ende. Ich vermute, dass Karstadt damit die Ängste vieler Deutscher anspricht. Wenn das Fliegen bald wegen der CO2-Bepreisung, wie im Klimapaket vorgesehen, teurer wird, wird Torschlusspanik um sich greifen. Viele werden die letzten günstigen Flüge buchen, und sich – zusätzlich zu den ohnehin fälligen jährlichen Reisen noch 4-5 Kurztrips gönnen, natürlich nur um den eigenen Horizont zu erweitern oder die Natur auf der anderen Seite der Welt zu genießen.

 

Nach mir die Sintflut!