22. November 2019

TOD in Venedig

Venedig im November 2019. Eine der tollsten Städte der Welt versinkt im Hochwasser. Immerhin: Der Bürgermeister von Venedig hat schon einen Schuldigen gefunden: den Klimawandel! 

Die ganze Welt weiß, dass Venedig seit Jahrzehnten nicht genug für den Schutz gegen Hochwasser unternimmt. Und das obwohl bekannt ist, dass die Hochwasserphasen wegen des steigenden Meeresspiegels drastisch zunehmen werden. Stattdessen wurden tiefere Fahrrinnen gegraben, damit Erdöltanker und Kreuzfahrtschiffe bequem passieren können. Und die Hochwasserschleuse MOSE wird seit Jahren nicht fertig. 

 

Klimawandel und Overtourism

 

Venedig ist das vielleicht beste Beispiel für "Overtourism". In der Stadt wohnen nur noch 

53 800 Einwohner. Dazu kommen täglich 77 000 Touristen.  Im Jahr zählt Venedig fast 30 Millionen Besucher. Sie lassen ihr Geld in der Stadt. Und ihren Müll.

Sie kommen mit Autos und Bussen und natürlich auch mit dem Flugzeug. In den letzten 10 Jahren hat sich die Zahl der Flugpassagiere nur nach Venedig-Tessera (es gibt insgesamt drei Flughäfen in Venedig) fast verdoppelt. 2008 waren es noch 6.893.644 Passagiere, 2018 bereits 11.184.608  - Tendenz immer noch steigend. 

 

Als ich 2013 zum ersten Mal in Venedig war, sind wir von Frankfurt aus mit dem Zug gefahren. Das dauerte zwar 10 Stunden, aber wenn man tagsüber fährt, kommt man an großartige Landschaften vorbei, die man so nie mit dem Flugzeug sehen würde. Außerdem war die Zugfahrt sehr entspannt. Viele meiner Bekannten haben sich damals gewundert warum ich nach Venedig mit dem Zug gefahren bin, wenn es doch mit dem Flugzeug schneller und billiger ist (Ryanair z.B. fliegt nach Venedig). 

Dank „Flygskam“ hat diese Reaktion inzwischen deutlich nachgelassen. Mittlerweile lerne ich immer wieder Menschen kennen, die mir ganz stolz erzählen, dass sie mit dem Zug nach Italien fahren.

 

 

Gibt es eine Lösung für Venedig?

 

Vielleicht. Ab Mai 2019 sollte in Venedig ein Eintrittsgeld für Tagestouristen eingeführt werden. Das hat aber nicht geklappt. Den nächsten Versuch will Venedig im Juli 2020 unternehmen.  Je nach Andrang soll das Tagesgeld zwischen 3 und 10 Euro betragen. Für eine Stadt wie Venedig ist der Betrag allerdings echt mickrig. 

In anderen Ländern versucht man, die Touristen mit sehr viel größeren Beträgen zu bändigen: Touristen können Bhutan z.B. nur bereisen, wenn sie eine vollständig organisierte Rundreise gebucht haben, die zwischen 200 und 250 US-Dollar pro Person pro Tag kostet. Das macht Bhutan zwar unattraktiv für den Massentourismus, hat aber trotzdem nicht dazu geführt, dass der Tourismus insgesamt zurück gegangen ist. Ganz im Gegenteil die Zahl der Touristen stieg sogar weiter an, 2005 waren es noch 13.600, 2017 waren es bereits 150.000.

 

Bedeutet dieser Vorschlag also, dass nur noch reiche Menschen reisen dürfen? Leider ja. Und was lernen wir daraus, dass selbst 250 Dollar am Tag keine abschreckende Wirkung zeigen? Wir haben einfach zu viel Geld in der Welt. Ein Eintrittsgeld wird die Menschen nicht davon abhalten Orte zu überrennen.

Fairer wäre es, wenn die Zahl der Touristen beschränkt wird, die in eine Stadt wie Venedig einreisen dürfen. Die tägliche Zahl der Touristen sollte auf keinen Fall die der Einwohner überschreiten, damit sich ein Ort noch anfühlt wie ein echter Ort, mit echten Menschen, die dort tatsächlich leben und nicht wie Disneyland. Das hat auch nichts mit Ausgrenzung zu tun, sondern mit Begrenzung: Wenn ein Kino oder ein Flugzeug voll ist, können ja auch keine Tickets mehr verkauft und noch mehr Leute reingelassen werden. Warum sollte es nicht auch für Venedig funktionieren? Venedig wäre es wert.