21. August 2020

was wir wirklich brauchen

 

Der Inbegriff moderner Alltags-Dekadenz ist für mich Wasser aus der Spraydose. Zum ersten Mal entdeckte ich ein solches Produkt in den 1990er Jahren in einer amerikanischen Frauenzeitschrift, versehen mit dem Hinweis, das diese Geheimwaffe längst in der Handtasche jedes Supermodels zu finden sei. Das Produkt diente damals (wie heute) wohlbemerkt nicht als Durstlöscher. Einziger Zweck war es, das Modelgesicht gleichmäßig einzuwässern. Etwa 20 Jahre später - ich hatte das absurde Produkt schon komplett vergessen - tauchte das Wasserspray aus der Dose plötzlich wieder auf - nun aber in den Taschen von Bekannten aus der Nachbarschaft.

 

2018 erreichte der Dosenwasserspray-Konsum in meiner Umgebung einen ersten Höhepunkt. Ich war umringt von Frauen, Männern und sogar Kindern, die sich ständig und überall mit dem Zeug ansprühten und danach total erfrischt wirkten. Im Vergleich zu Kältesprays, die für die Notfallkühlung bei Verletzungen verwendet werden, verfügt Dosensprühwasser jedoch nicht über besondere physikalische Eigenschaften. Im Gegenteil: es ist ganz gewöhnliches Wasser, das einfach nur bis zur völligen Sinnlosigkeit industriell entstellt ist: es wird in eine Dose gefüllt, aufwendig bedruckt, mit Plastikteilen veredelt und hunderte von Kilometern transportiert. Anschließend steht es monatelang in einem Schrank und wird schließlichfür 1,45 Euro pro Flasche verkauft. Juhu! Wer mehr Geld ausgeben will kann bis zu 10 Euro investieren (erhältlich in der Apotheke). Bleibt eigentlich nur eine Frage: Sollte so ein Produkt nicht verboten werden? 

 

2020 sollte uns allen eigentlich ziemlich deutlich geworden sein, welche Produkte wir wirklich brauchen. Als ich in einer Drogerie am Anfang der Pandemie einkaufte, stellte ich zum ersten Mal fest, dass ca. 70 Prozent der Produkte völlig überflüssig waren. Das was die Menschen wirklich brauchen, war entweder gar nicht mehr im Regal oder nur noch in kleinen Mengen. Das gleiche Bild bot sich  im Supermarkt. Brauchen wir wirklich 10 verschiedene Fertig-Salatsaucen, wenn wir in Krisenzeiten noch nicht mal eine Tüte Mehl finden? 

Es ist erstaunlich wenig was wir wirklich für unser Leben brauchen: 

Nahrung, ein Zuhause, eine Beschäftigung und Kommunikation mit anderen Menschen. 

Diese vier Grundbedürfnisse müssen wir in Krisenzeiten befriedigen. Sehr schön ist das in dem Roman „Der Marsianer“ von Andy Weir beschrieben. In dem Buch geht es um einen Astronauten, der ganz alleine auf dem Mars überleben muss und diese Aufgabe Schritt für Schritt meistert. Um uns zu zeigen, wie man eine Krise übersteht, ist "Der Marsianer" besser geeignet, als alle Ratgeber.

 

Erdbewohner sind leider keine Marsianer

 

Noch vor einigen Wochen haben Experten vorausgesagt, dass durch die Corona-Krise unser Konsum bewusster wird. Ein Professor für Konsumforschung erwartete sogar einen „geerdeten Konsum“. Andere Experten führten Umfragen durch und kamen zu ähnlichen Prognosen: Die Konsumenten würden „zukünftig bewusster und reduzierter einkaufen und sich von unnötigem Konsum befreien“. Klingt irgendwie nach Neujahrsvorsatz.

 

Mittlerweile sind im Einzelhandel die Regale wieder gefüllt und alles sieht wieder so aus wie vor der Corona-Krise. Gefüllte Regale sind zwar schön anzusehen, signalisieren jedoch, dass die Krise überstanden ist. Von „bewussten Konsum“ ist daher auch schon lange nichts mehr zu sehen. Dazu kommt noch die Mehrwertsteuersenkung, die unser Konsumverhalten erfolgreich wieder angekurbelt hat.

 

So wie es aussieht, hält auch in Krisenzeiten die Nachfrage nach verrückten Produkten wie Wassersprays an. Bei meinem letzten Besuch in der Drogerie habe ich sie nämlich wieder gefunden. Ich kann mir vorstellen wie praktisch und erfrischend ein Wasserspray im Sommer sein kann, aber man kann es auch günstiger haben als 1,45 € und dazu auch noch besser: Einfach selbst eine Pumpe mit Wasser füllen und in den Kühlschrank stellen. Ich bin mir sicher, der Marsianer von Andy Weir hätte es auch so gemacht.