CAR is Over?

Ja, aber es gibt Hoffnung.

21. Oktober 2019

Die letzte Internationale Automobil Messe (IAA) war nicht gerade ein Erfolg: 30 Prozent weniger Besucher (dieses Jahr kamen 560.000, 2017 waren es noch 810.000), die Zahl der Aussteller schrumpfte von fast 1000 auf 838, wichtige Hersteller wie Toyota, Hyundai, Renault oder Volvo blieben gleich ganz weg. Und draußen vor den Toren der Ausstellungshalle tobte an einem Publikumstag eine Demonstration von 25.000 Autogegnern. Die meisten fuhren mit den Fahrrädern zur Messe. Ich war natürlich auch dabei und war erstaunt darüber, wie viele tausende von Fahrrädern auf einer vierspurigen Fahrbahn fahren konnten und weder Schmutz noch Stau verursachten. 

 

Car is over? Die Zeichen stehen auf Sturm. Wer den Schuss nicht gehört hat, will ihn auch nicht hören und weiterhin jeden Tag in seinem Auto im Stau sitzen und mehrere Stunden Lebenszeit verlieren. 

 

Mobilität bleibt wichtig. Aber ein eigenes Auto ist tatsächlich im urbanen Leben mehr als over. Menschen wollen weiterhin Auto fahren (oder denken zumindest, dass sie es müssten). Und dann sind da ja noch die Arbeitsplätze! Was wäre Deutschland ohne Autoindustrie!

Es muss also eine Lösung her und die heisst - wenn man dem Thema der diesjährigen IAA glaubt - Elektromobilität. Wie es zu diesem Irrtum kommen konnte, bleibt ein Rätsel, denn die Öko-Bilanz von Elektroautos ist nicht viel besser als die eines herkömmlichen Dieselfahrzeugs. Zumindest wenn man die Herstellung und die Entsorgung der Batterien in der Rechnung miteinbezieht. 

 

Aber da war doch noch etwas ...

 

Vor einigen Wochen bekam ich eine Mail von meinem Carsharing-Anbieter, in dem dieser für ein Wasserstoffauto zum Ausleihen warb. Schadstoff- und CO2-frei Auto fahren! Das machte mich neugierig und ich buchte den Toyota Mirai für eine Probefahrt. 

Ich war überrascht wie riesig der Wagen war - der Mirai ist eine Limousine der oberen Mittelklasse - obwohl er nur für vier Personen vorgesehen ist. 

Das Außendesign war total spacig und die Innenausstattung nur vom Feinsten. Sitz- und Lenkradheizung und Assistenzssysteme ohne Ende – so viel Luxus braucht kein Mensch! Was mich aber überzeugte war das einmalige Fahrerlebnis: geschmeidig, entspannt, leise. Ich wollte am liebsten immer weiterfahren.

 

 

Vor der Fahrt hatte ich über Wasserstoffautos und Brennstoffzellen recherchiert und dabei herausgefunden, dass sie um einiges besser abschneiden als herkömmliche Elektroautos. Brennstoffzellenautos haben pro Tankfüllung eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern. Das beste aber ist: Man kann einfach tanken und weiter geht die Fahrt (beim Mirai dauert einmal Volltanken nur 3-4 Minuten). Das Laden der Batterie eines Elektro-Autos dauert dagegen bis zu 10 Stunden! Leider wird der Wasserstoff, der zur Zeit verwendet wird, noch aus Erdgas gewonnen. Wenn jedoch zur Gewinnung des Wasserstoffs erneuerbare Energien eingesetzt würden, wäre dies die umweltfreundlichste Möglichkeit Auto zu fahren.

 

So nah und doch wieder so fern

 

Ich war überrascht zu erfahren, dass die deutschen Autohersteller, allen voran Mercedes, seit 1994 an der Entwicklung von Brennstoffzellenautos arbeiteten und Mercedes sogar 2015 noch verkündete „in Serie gehen“ zu wollen. Leider ist daraus nix geworden. Wir haben mittlerweile 2019 und nur Toyota und Hyundai haben Wasserstoffautos auf den Markt gebracht. Sie haben die Europäer abgehängt. Mal wieder. Gut auch: die japanische Regierung fördert Brennstoffzellenautos massiv. Wenn 2020 die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden, sollen im Land 40.000 Brennstoffzellenautos fahren! In Deutschland hingegen sind zur Zeit 329 Wasserstoffautos zugelassen, dazu noch 16 Busse und 2 Lastwagen – und das bei einem Gesamtbestand von 64 000 000 Fahrzeugen im Land.

 

Am meisten ärgert mich, dass sich die Fachleute darüber einig sind, dass Brennstoffzellautos die umweltschonendste Alternative darstellen. Trotzdem hat diese Technologie vermutlich keine Chance: sie ist nämlich zu teuer. Ausserdem fehlt die Infrastruktur. In der Bundesrepublik gibt es momentan nur 66 Wasserstofftankstellen. Also haben sich alle für die billigste und dreckigste Lösung entschieden: das Elektroauto. 

 

Wir sollten unseren Blick nächstes Jahr auf Japan richten und auch hierzulande auf Kommunen schauen, die bereits Brennstoffzellen-Busse im Straßenverkehr einsetzen. Stuttgart geht hier mit gutem Beispiel voran. Wäre doch toll, wenn es für diese tollen Autos doch noch ein Comeback gäbe!