19. April 2019

Reden ist Silber, machen ist Gold

erste Demo

Wegen meiner Begeisterung für die Fridays-for-Future-Demos landete ich in einer WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Parents-for-Future“. Die Gruppe tauscht sich darüber aus, wie sie den Protest ihrer Kinder unterstützen kann. In dieser Gruppe werden unzählige Links zu „nachhaltigen Themen“ und auch Artikel über nachhaltige „Sinnfluencer“ herumgeschickt (Sinnfluencer sind Influencer die etwas sinnvolles machen). 

Ich muss zugeben, das nervte mich. Denn vieles war so unreflektiert. 

 

Jetsettende Sinnfluencer

Am Ende brachte mich ein Link über die Webdoku von einem Youtube-Star namens Felix von der Laden völlig auf die Palme. Als ich den Link anklickte, schaute ich als erstes auf ein Foto das einen perfekt frisierten Felix von der Laden zeigt, flankiert von zwei Afrikanern. Ein Zitat aus dem Artikel von Transfair e.V.:

„Den fairen Handel kannte er bislang nur aus Erzählungen. Das reichte ihm nicht. Daher hat sich der prominente Video-Blogger Felix von der Laden auf eine Reise rund um die Welt zum Ursprung der wichtigsten Fairtrade Produkte gemacht.“  (https://utopia.de/sponsored-content/wie-fair-ist-fairtrade-wirklich/)

Ich fragte in die klimabewusste WhatsApp-Gruppe, ob es denn wirklich notwendig sei, dass ein "Nachhaltigkeits-Reporter" um die Welt fliegt? 

Ist das fair?

 

Mich nervten schon seit einiger Zeit die jetsettenden Sinnfluencer dieser Welt (zuletzt das Model Barbara Meier, die ihre Hochzeit in Venedig ganz plastikfrei feiern möchte) und fragte spontan in die WhatsApp-Gruppe, ob wir eine Flughafen Demo zu Beginn der Ferienzeit organisieren sollten. Unsere Forderung wäre, dass die Leute nicht mehr sinnlos durch die Gegend fliegen. Verhaltenes Interesse. 

 

Eine Mini-Diskussion ging danach in der WhatsAppGruppe los - in dem Stil, wie ich es schon gewohnt war, wenn ich das Fliegen kritisiere. Die Argumente gingen von „Reisen dient doch der Völkerverständigung“ bis hin zu „meine ganze Familie ist überall auf der Welt verstreut“. Ich merkte auch hier wieder den Widerstand von aufgeklärten und gebildeten Menschen. 

Das alles überzeugte mich noch mehr, eine Demo am Flughafen zu veranstalten. Und zwar unbedingt zu Ferienbeginn. Danach würde es keinen Sinn mehr machen, dann sind nämlich die meisten schon in den Urlaub geflogen. 

 

Try Day konkret

 

Zwei Wochen vor Ferienbeginn: Zwei Freunde und mein Mann waren die einzigen, die bereit waren mitzumachen. So waren wir schon vier und beschlossen die Demo durchzuziehen. Wir überlegten uns, wie wir am besten vorgehen sollten. Wir hatten ja nur noch zwei Wochen und uns blieb wenig Zeit, weil wir alles nur nach Feierabend organisieren konnten. Zuerst kontaktierte ich das „Bündnis der Bürgerinitiativen“, das jeden Montag seit acht Jahren gegen den Fluglärm und den Flughafenausbau am Frankfurter Airport demonstriert. Sie gaben mir Tipps wo und wie ich auf dem Flughafen eine „Aktion“ starten konnte. Sie sagten mir sofort, ohne überhaupt zu wissen, wann und wie unsere Aktion stattfinden wird, dass sie bei der Demo dabei sein werden. Das nenne ich Engagement!

 

Wir gingen zuerst davon aus, dass der Frankfurter Airport Privatgelände ist und es überraschte mich sehr, als ich vom Bündnis der Bürgerinitiativen erfuhr, dass es möglich ist, im Flughafen selbst zu demonstrieren. Das liegt daran, dass die Anteile des Flughafenbetreibers Fraport AG mehrheitlich in öffentlicher Hand sind. Somit unterliegen Teile des Flughafens einer unmittelbaren Grundrechtsbindung (siehe auch: https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/bverfg-zur-versammlungsfreiheit-kein-demo-verbot-am-frankfurter-flughafen/).

 

Ich war zwar schon auf einigen Demos, aber ich selbst habe noch nie eine angemeldet. Und es ist eigentlich ganz einfach: Man muss spätestens 48 Stunden vor der Versammlung die geplante Aktion (Demo, Kundgebung, Mahnwache etc.) anmelden. Dafür gibt es entsprechende Formulare, die in Frankfurt z.B. auf der Homepage der Stadt abrufbar sind.  

Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell und unkompliziert geht. Einen Tag nach meiner Anmeldung riefen mich schon das Ordnungsamt und die Polizei an, um mit mir über die Formalitäten zu sprechen. Und sie waren alle so furchtbar nett und entspannt.

 

Damit man in so kurzer Zeit (mittlerweile hatten wir nur noch eine Woche) etwas auf die Beine stellen kann, ist es extrem wichtig, dass man Menschen hat, die einfach mal machen. Wir hatten Glück mit einigen sehr engagierten Mitstreiterinnen von einer weiteren WhatsApp-Gruppe „People4Future FFM“. Eine Grafikerin erstellte in nullkommanix einen Flyer und eine weitere Mitstreiterin versicherte uns, dass sie mit einem Banner zum Flughafen eilen würde. Das war ein ganz toller Einsatz, denn diese Frau war vorher noch bei der Fridays for Future Demo aktiv, die einige Stunden vor unserer Demo stattfand. Eine wahre Aktivistin!

 

Unsere Flughafen-Demo zu Ferienbeginn
Unsere Flughafen-Demo zu Ferienbeginn

Ziel erreicht?

 

Ja und nein. Es hat sehr geholfen, dass unsere Kinder uns bei der einstündigen Aktion unterstützt haben. Sie malten am Vormittag fleißig Plakate und waren auch auf dem Flughafen eine echte Attraktion. Sie gingen auf die Reisenden zu und verteilten Flyer. Ich begriff, wie wichtig es war, sie dort zu haben. Denn so konnte man auch die Menschen dazu bringen darüber nachzudenken, dass sie mit ihrem Verhalten die Welt dieser Kids kaputt machen. Ich glaube, sie bewirkten bei den einzelnen Fluggästen mehr als wir Erwachsene. Es gab ein paar Gespräche mit Fluggästen, aber von den meisten Reisenden ernteten wir nur ein Augenrollen und wütende Blicke.

 

Von den Kids, von denen ich am meisten erwartet habe, dass sie uns unterstützen, den streikenden jungen Menschen bei den Fridays-For-Future-Demonstrationen, kam leider nur ein einziges Mädchen. Vor der Demo hatte ich einer Kontaktperson von Fridays-for-Future angeboten, ihr Logo mit auf unser Plakat zu nehmen. Leider bekamen wir aber hauptsächlich Kritik über unsere chaotische Organisation. 

 

Vor unserer Flughafen-Aktion war ich auf der Fridays-For-Future-Demo die am gleichen Tag stattfand, um meine Tochter zu begleiten. Dort verteilte ich auch unsere Flugblätter. Die meisten demonstrierenden Kids denen ich ein Blatt in die Hand drückte, sahen mich nur ratlos an. 

 

Schade, als „Parent“ habe ich mir erhofft, dass die Kids auch mal bei einer simplen und konkreten Aktion für „Climate-Justice“ mitdemonstrieren - vor allem in einer Location wo man Menschen direkt erreichen kann, die mit ihrem Lifestyle für Klima-Ungerechtigkeit sorgen. Aber vielleicht sind zwei Demos an einem Tag auch zu viel für die Jugendlichen. 

 

Bald sind wieder Ferien und wir überlegen schon, wie die nächste Flughafen-Aktion aussehen könnte. Ich hoffe, dass diesmal ein paar Jugendliche von Fridays-for-Future dabei sind. 

 

Am 29. April 2019 ist übrigens die Grundsteinlegung für das Terminal 3 am Frankfurter Flughafen. Es sollen nämlich "mehr als 700.000 Starts und Landungen im Jahr bewältigt werden, 2018 waren es nur 512.000" (Quelle:https://www.n-tv.de/wirtschaft/Fraport-legt-Grundstein-fuer-drittes-Terminal-article20992284.html) . Eine Steigerung von ca. 37 Prozent. Verrückte Welt.